Leuchtturm Bodenseekreis – Digitalisierung des Straßenbetriebsdiensts

Winterdienst, Streckenkontrolle und Arbeitsflüsse unterstützt durch Telematik, Tablets & Co.

Seit dem Jahr 2012 stand für das Straßenbauamt im Landratsamt Bodenseekreis in Friedrichshafen ein digitales Winterdienst-Erfassungssystem für die Winterdienstfahrzeuge auf der Agenda. Das zuständige Team im Straßenbauamt hatte schon im Vorfeld einige Systeme im Test, bevor sie in Überlingen auf ein System aufmerksam wurden, welches sowohl den Leiter des Straßenbauamtes, Tobias Gähr, als auch den Leiter des Sachgebietes Straßenbetrieb und -unterhaltung, Gerhard Hermle, sowie den Leiter derIT-Abteilung des Landratsamtes, Markus Döhler, auf Anhieb begeisterte. Denn das schnittstellenoffene Grundkonzept von NetwakeVision, der Verbindung einer mobilen Datenerfassung mit einer Serverlösung, ist für viele zusätzliche Anwendungen offen und erweiterbar. Die Möglichkeit der beliebigen Verbindung verschiedener Erfassungsgeräte, Buchhaltungsplattformen, GIS-Systeme wie zum Beispiel der Straßeninformationsdatenbank und vielem mehr sorgt für größtmögliche Flexibilität in den unterschiedlichen Einsatzbereichen. „Für uns war unter anderem überzeugend, dass die Konzeption von NetwakeVision mit dem allgemeinen technischen Fortschritt in der Anwendung mitwächst und auf handelsüblichen Tablets oder Smartphones läuft. Dies ermöglicht uns, viele Freiheitsgrade, auch bei der Auswahl der Hardware“, so Tobias Gähr. Gegenüber anderen Systemen erweitert diese Konzeption die Handlungsspielräume also deutlich und beflügelt immer wieder die Kreativität aller Beteiligten. Zwischen dem Straßenbauamt, der IT-Abteilung und dem Geschäftsführer NetwakeVision, Marcel Ruff, entwickelte sich in kurzer Zeit eine einzigartige, von gegenseitigem Vertrauen und Inspiration geprägte Zusammenarbeit. Jeder konnte seine besonderen Fähigkeiten und Schwerpunkte in den Entwicklungsprozess einbringen. Für Markus Döhler, Leiter der IT-Abteilung des Landratsamts Bodenseekreis, ist höchste Sicherheit der Serverlandschaft von besonderer Bedeutung. Er ermöglichte den Kontakt zum kommunalen Rechenzentrumsverbund des Landes Baden-Württemberg. So werden große Teile der Serverlandschaft dort in einer BSI-zertifizierten Umgebung gehostet. „Wir legen sehr viel Wert auf wohlüberlegte medienbruchfreie Prozesse mit genau definierten Datenabläufen. Für uns ist insbesondere wichtig, dass von der digitalen Erfassung, über eine hochsichere Systemumgebung, bis hin zu einer maximal flexiblen Webbrowser Oberfläche, Änderungen und Erweiterungen im laufenden Betrieb möglich sind“, so der Leiter der IT-Abteilung. Gerhard Hermle brachte als Leiter des Sachgebietes Straßenbetrieb und-unterhaltung seine langjährige Erfahrung umfänglich ein. Je mehr sich die Möglichkeiten des Systems zeigten, desto mehr erkannten er und sein Team auch die Chance eines ressourcensparenden Einsatzes der modernen Technik in vielen Bereichen. Zahlreiche Ideen für immer neue Einsatzbereiche in der Straßenunterhaltung wurden ersichtlich und konnten realisiert werden.In der Einführungsphase war es von entscheidender Bedeutung, das Interesse und die Akzeptanz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Unterhaltungsdienst und der Verwaltung zu gewinnen. Dies ist durch die ergebnisoffene Herangehensweise von Netwake gut gelungen. In regelmäßigen Workshops konnten die Mitarbeiter ihre Ideen und Verbesserungsvorschläge einbringen. Diese wurden dann sehr schnell umgesetzt, so dass die Mitarbeiter sich in der Einführung des Systems gut integriert fühlten und den Mehrwert für ihre Arbeit erkannten. Zur Wahrung von Arbeits-und Persönlichkeitsrechten hat der Bodenseekreis mit dem Personalrat eine Dienstvereinbarung zur Anwendung der Telematik in Betriebsdienst getroffen. Den Anfang bei dieser technischen Entwicklung machte die „Telematik FT100“ von NetwakeVision in den LKWs des Straßenbetriebsdienstes.

Bordrechner FT100    (c) Netwake Vision

„Mit dem Einsatz der intelligenten Verwaltungsumgebung sind wir in derLage, sämtliche gefahrenen Einsätze im Winter-und Sommerdienst, insbesondere auch die der Fremdunternehmer, genau zu erfassen und die entstandenen Kosten den Straßenbaulastträgern Bund, Land und Kreis zuzuordnen“ zeigt sich Tobias Gähr erfreut. Nun können die Mengen an ausgebrachter Sole und Trockensalz, der Arbeitsstatus des Räumschildes, sowie die gefahrenen Streckenabschnitte ermittelt und über eine entsprechende Schnittstelle mit den Nachunternehmern automatisiert abgerechnet werden. Dies ist ein enormer Schritt zur Schaffung von Transparenz und Wirtschaftlichkeit.

Zum Einsatz kommt außerdem das „POI-System“ (Point of Interest), mit dem zum Beispielbdie Streckenkontrolleure alle anfallenden Arbeiten mobil und ortsgenau erfassen, dokumentieren und weiterleiten können. Das System stellt für den verantwortlichen Straßenmeister auch eine sehr gute Unterstützung für dessen Einsatzplanung dar. Die Variabilität dieses Instruments ist groß. Bei der Entwicklung von Apps für die Streckenkontrolle, die Erfassung von Unfallschäden, die Baumkontrolle sowie die Erfassung von Fahrbahnschäden und manchem mehr wurde das schnell deutlich.

Darstellung der erfassten “POI”   (c) NetWake Vison

Früher haben die Streckenkontrolleure beispielsweise die festgestellten Mängel an nicht verkehrssicheren Bäumen händisch dokumentiert und diese Berichte dann an die Verwaltung der Straßenmeisterei abgegeben. Dort wurde der entsprechende Eigentümer ermittelt und auf den Mangel schriftlich hingewiesen. Die Erfolgskontrolle erfolgte dann im Rahmen einer Wiedervorlage in Papierform. Durch den Einsatz des Programmes Netwake sind solche Workflows nun komplett digitalisiert. Der Streckenwärter fotografiert den geschädigten Baum und bekommt sofort vor Ort die Flurstücksnummer angezeigt. So kann er erkennen, ob der Baum auf öffentlichem oder privatem Grund steht. Die erfassten Daten werden automatisch an die Verwaltung gesendet. Dort kann ggf. der private Eigentümer ermittelt, und mit einem vorgefertigten Datenblatt welches sich im Programm selbständig öffnet umgehend angeschrieben werden. Bei„Gefahrenbäumen“ erfolgt automatisch eine Benachrichtigung des zuständigen Baumsachverständigen per Mail, so dass dieser den Baum schnellstmöglich begutachten kann. Nach der Beseitigung der Gefahr kann der Streckenwärter diesen Baum nun als erledigt markieren.

Somit erfolgt die Kontrolle der Gefahrenbeseitigung ebenfalls digital. Weitere Potentiale des Systems sah das Team um Gerhard Hermle auch im Personalmanagement. Er beauftragte daher in einem weiteren Schritt die „Zeit-und Leistungserfassung“ für alle Mitarbeiter des Straßenbetriebsdienstes. Der äußerst komplexe Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) mit all seinen Besonderheiten wurde in einer „Arbeitszeiterfassungs-App“ hinterlegt. Mit Hilfe des Sachverstandes eines sehr erfahrenen Verwaltungsangestellten der Straßenmeisterei Überlingen, konnte dieses ehrgeizige Ziel erreicht werden. Der Leiter des Straßenbauamtes im Bodenseekreis erkannte die „Zeichen der Zeit“ und die Vorteile der Digitalisierung für den Straßenbetriebsdienst des Landratsamts Bodenseekreis. Zudem unterstützte er die agilen Prozesse im Geschäftsbetrieb und bei der Umsetzung. Die von den Mitarbeitenden formulierten Systemanforderungen wurden aufgenommen und von den Programmierern umgesetzt. Damit wurde eine bundesweite Pionierarbeit geleistet. Die Technik unterstützt nun die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Straßenbauamts Bodenseekreis bei ihrer täglichen Arbeit und führt zu Erhöhung der Effizienz und der Nachvollziehbarkeit sowie im Zweifelsfall auch zu höherer Rechtssicherheit. Nach Zeiten des Tüftelns und Optimierens ist der Nutzen von NetwakeVision aus dem Alltag des Straßenbetriebsdienstes im Bodenseekreis nun nicht mehr wegzudenken. Nach all diesen Erfahrungen haben Marcel Ruff und sein NetwakeVision-Team heute ihre eigene Vision von Digital 4.0 entwickelt. Für sie soll die Welt in ihrer Vielfalt gewahrt und abgebildet werden. Die vorhandene Diversität von Hard-und Softwaretechnik soll in unterschiedlichste Anwendungsbereiche integriert werden, damit medienbruchfreie, flüssige Abläufe alle Vorgänge beschleunigen können. „Middleware“ ist hier das Zauberwort für das Schmiermittel des Datentranfers. Dabei stützt sich eine moderne und effiziente operative Verwaltung auf drei Säulen:

  1. Die erste Säule besteht aus mobiler und zentimetergenauer Erfassung von Daten mit marktüblichen, sich dem allgemeinen technischen Fortschritt anpassenden Geräten wie Tablets oder Smartphones. Zur Präzisierung der Positionsbestimmung trägt das NetwakeVision Produkt RoyalFix bei.
  2. Die ZweiteSäule ist die Integration dieser Daten in bestehende Systeme, mit der Möglichkeit individueller Anpassungen im laufenden Betrieb. Schnittstellenoffenheit zu Datenbanken, Buchhaltungssystemen, GIS-Systemen und beliebigen Erweiterungen ist dafür unabdingbar.
  3. Die dritte Säule besteht aus Vertrauen, Datenschutz und Sicherheit. Dabei ist zuvorderst die IT-Sicherheit gemeint: Serversysteme, die im kommunalen Rechenzentrumstehen und damit deutscher Rechtsprechung unterstehen, sowie Linux als zugrundeliegendes und wenig hackeranfälliges Betriebssystem. Mit dem Konzept werden außerdem die Anforderungen der EU-DSGVO erfüllt. Äußerst wichtig ist andererseits die persönliche Sicherheit und Vertrauenswürdigkeit im Kontakt zwischen Kunden und Lieferanten.

Die Früchte dieser Zusammenarbeit sind inzwischen auf viele Landkreise in Baden-Württemberg weiterverteilt. Dabei gab es auf der Grundlage dieser innovativen Entwicklung aus dem Bodenseekreis auch so manche Individualisierungen und Anpassungen an lokale Anforderungen. Im Herbst 2018 trafen sich die Straßenbauamtsleiter aus verschiedenen Landratsämtern des Landes Baden-Württemberg, um den Schwung in die Zukunft zu tragen und weitere Möglichkeiten der Digitalisierung auszuloten. An weiteren potentiellen Anwendungsgebieten fehlt es nicht. Allein die Themen der baulastträgerbezogenen Erfassung des Anlagevermögens der Straßeninfrastruktur oder die Optimierung und Qualitätssicherung des Managements der Straßenkompensationsflächen sind Handlungsfelder, für die es dringend praktikable Lösungen braucht.

(Text und Bilder:  NetWake Vision, Überlingen, und Landratsamt Bodenseekreis, Friedrichshafen)