Telematik von innen betrachtet

Das Portal telematikwissen.de hat sich zum Ziel gesetzt, die aktuellen und künftigen Nutzer von Telematiksystemen über technische und wirtschaftliche Aspekte des Telematikeinsatzes bei Fahrzeugflotten und anderen kommerziellen Anwendungen neutral zu informieren. Zur Abrundung unseres Informationsangebots sollen jedoch auch die Anbieter von Telematiksystemen zu Wort kommen, insbesondere wenn es um die Einordnung und Bewertung von Marktströmungen geht.

In loser Folge wird telematikwissen.de daher über Ansichten und Meinungen von Insidern der Telematikbranche berichten. Wir starten unsere Reihe „Telematik Insider“ mit einem Interview mit Thomas Piller, Geschäftsführer der idem telematics GmbH, Ulm/München. Das Gespräch führte Prof. Heinz-Leo Dudek.

Thomas Piller, idem telematics, (c) idem telematics

Thomas Piller, idem telematics, (c) idem telematics

Prof. Dr.-Ing. Heinz-Leo Dudek, (c) Heinz Leo Dudek

Prof. Dr.-Ing. Heinz-Leo Dudek, (c) Heinz Leo Dudek

Herr Piller, welche aktuellen Themen rund um die Telematik bewegen derzeit die Anwender bzw. Flottenbetreiber?
Unter den Flottenbetreibern der Transportlogistik verspürt man eine gewisse Unsicherheit, was das Thema „Industrie 4.0“ für die Transportwirtschaft bedeutet. Es scheint klar zu sein, dass künftig das Transportgut als Ganzes oder sogar einzelne Sendungen, Ladungsträger und Inhalte stärker vernetzt sein werden. Aber mit wem genau die Ladung vernetzt wird, welche Informationen zu übertragen sind und auf Basis welcher Technologien, ist heute noch völlig unklar. Sicher ist nur, es wird Auswirkungen auf die Telematik im Fahrzeug haben.
Und welche aktuellen Themen bewegen derzeit die Telematikanbieter im deutschsprachigen-Markt?
Nun ja, es zeichnet sich nach meinem Empfinden der Trend ab, dass Telematikanbieter ihre Systeme gegenüber Mitbewerbern gegenseitig öffnen. Dadurch ermöglichen sie dem Kunden, die Daten seiner Fahrzeuge, die mit unterschiedlichen Telematiksystemen ausgerüstet sind, zu fusionieren. Man erkennt also, dass das berühmte „Datengold“ nur glänzen kann, wenn man es untereinander teilt.

Industrie 4.0, (c) telematikwissen.de

Industrie 4.0, (c) telematikwissen.de

Ist das nun die späte Erkenntnis der Telematiker, dass man nur gemeinsam stark ist, oder kommt der Druck vom Kunden?
Haupttreiber dieser Entwicklung sind natürlich die Flottenbetreiber, die die fragmentierten Insellösungen nicht länger akzeptieren. Die Telematikanbieter tun sich damit nun aber leichter als früher, da sich jetzt – zumindest in Deutschland –langsam herausstellt , wer am Markt und in welchem Teilsegment eine mittel- bis langfristige Rolle spielt.

Gibt es neben dem Trend zur Kooperation weitere nennenswerte Entwicklungen im Markt?
Der zweite Trend sind „Apps“ in Verbindung mit flexiblen Geräten aus der Consumer-Elektronik, die vermeintlich billiger sind als die Geräte der Telematikanbieter. Allerdings ist man im professionellen Umfeld doch auf eine gewisse Systemeinheitlichkeit über einen längeren Zeitraum angewiesen. Die in der Consumer-Welt übliche Variantenvielfalt hinsichtlich Hardware und Betriebssystemen kann auf Dauer Probleme und Zusatzkosten verursachen.

Welche innovativen Geräte, Dienste oder Funktionen sind in den letzten 12 Monaten für alle wahrnehmbar auf den Markt gekommen?
Viel Neues kann ich im vergangenen Jahr nicht erkennen. Vieles war schon angekündigt und als Funktionsmuster auf diversen Messen zu sehen. Man könnte fast sagen, die gegenwärtig denkbaren Funktionen eines Telematiksystems in der Transportlogistik sind alle gedacht. Die Frage ist natürlich immer, wie gut ist die Umsetzung?
Wirklich neu ist die kabellose Integration von Truck und Trailer, die es ermöglicht, das Gespann aus Zugmaschine und Trailer für den Disponenten als ein Fahrzeug darzustellen und dem Fahrer in der Zugmaschine Informationen über den Zustand seiner Ladung im Trailer zukommen zu lassen.

Welche Funktionalitäten sind zurzeit bei den potenziellen Kunden am meisten gefragt?
Uns erreichen vermehrt Anfragen im Bereich Dokumentenmanagement. Insbesondere wird nachgefragt, ob die verfügbaren Endgeräte im Fahrzeug über eine Foto-Funktion verfügen, mit der beispielsweise Beschädigungen an der Ware dokumentiert werden können. Das ist nicht revolutionär neu, steht aber in letzter Zeit stärker im Fokus. Interessanterweise sollen selbst Lieferscheine, die der Empfänger auf Papier unterzeichnet, abfotografiert werden. Ob das der richtige Weg zur papierlosen Logistik ist, sei dahingestellt. Ebenso wird heute erwartet, dass man online PDF-Dokumente auf das Endgerät im Fahrzeug schicken kann, die der Fahrer zu unterschiedlichen Zwecken benötigt.

Welche Einflussfaktoren werden nach Ihrer Meinung die weitere Telematikdurchdringung in Transport und Logistik in den nächsten 2 bis 3 Jahren bestimmen?
Kurzfristig sehen wir durch die steigenden Dokumentationsansprüche in der Transportlogistik einen Ausrüstungsdruck, insbesondere für temperatursensible Ladungen wie im Lebensmittel- und Pharmabereich oder bei Tierlebendtransporten. Diese Anforderungen an die Transportdienstleister kommen nicht nur vom Gesetzgeber, sondern auch vom Verlader, der bestimmte Qualitätsansprüche hat. Mittelfristig bleibt der Druck zur Kostenoptimierung und Verbesserung der Transportsicherheit.

Wo erwarten Sie im Telematikangebot aller Anbieter die nächsten Entwicklungssprünge? Sind neue Funktionen, neue Hardwareangebote oder eine verbesserte Performance am Horizont zu erkennen?
Nun, in diesen klassischen Innovationskategorien erwarte ich keine signifikanten Entwicklungssprünge. Es könnten sich aber durch die neuen „Internet of Things“-Plattformen Markteintrittsmöglichkeiten für ganz neue Player ergeben. Wenn diese Plattformen mit ihren Big Data Funktionen über vereinfachte Schnittstellen zur mobilen Welt verfügen, eröffnen sich für Neueinsteiger schnelle Geschäftsmöglichkeiten, ohne den langwierigen Aufbau einer Backend-Infrastruktur. Darüber scheinen auch Werkzeuge für die Datenauswertung im Sinne des „flexiblen Reportings“ verfügbar zu sein. Nehmen Sie z. B. den CRM-Anbieter Salesforce, der den Telematikern vormacht, wie der Endkunde frei und flexibel für ihn passende Auswertungen und Visualisierungen aus den Unmengen von erfassten Daten generieren kann.

Wie sehen Sie die Marktchancen für die in letzter Zeit verstärkt in den Markt drängenden Integrationsportale, wie etwa Gatehouse oder NICBase? Wir haben ja schon festgehalten, dass sich Telematikanbieter nun auch gegenseitig den Zugang zu Daten ermöglichen. Braucht es da noch reine Integrationsportale?
Wenn sich die verschiedenen Telematiker eines Flottenbetreibers einig sind und gegenseitigen Datenaustausch praktizieren, bietet ein Integrationsportal keinen Mehrwert mehr. Und bei den typischerweise sehr kostensensitiven Flottenbetreibern bleibt es auf lange Sicht abzuwarten, ob ein Mehrwert dargestellt werden kann.

Sehen Sie im Umfeld der Telematik sich ändernde Randbedingungen, die den Telematikmarkt künftig beeinflussen werden?
Im internationalen Verkehr stehen die Mobilfunktarife immer noch im Fokus. Die Mobilität nimmt schneller zu, als die Tarifstrukturen der Telco-Anbieter das abbilden können. So kommt es immer wieder zu plötzlichen Roamingsprüngen bei der Ausfahrt aus den gebuchten Ländertarifgruppen. Die Erwartungshaltung der Kunden ist dann „die EU wird es richten“. Aber außerhalb Europas wie etwa in Nordafrika ist der EU-Einfluss natürlich begrenzt.
Technologisch interessant wird in diesem Zusammenhang die providerunabhängige „embedded SIM“-Karte, die fest in der Hardware verbaut ist und bei einem Anbieterwechsel nicht mehr ausgetauscht werden muss. Sie ist wohl in der Entwicklung, aber es ist noch unklar, wann sie verfügbar wird. Mit ihrer Verfügbarkeit würde sich die Flexibilität im Telematikangebot für den Fernverkehr deutlich verbessern.
Darüber hinaus werden die Themen Datenschutz und -sicherheit in Zukunft eine noch stärkere Bedeutung gewinnen. Wenn wir immer mehr Daten über Fahrzeug, Fahrer und Ladung erheben und auswerten, stellen sich natürlich verstärkt Fragen der Zuverlässigkeit, der Verfügbarkeit, des Service-Level-Agreements und ähnliches. Je höher die Dokumentationspflichten der Flottenbetreiber sind, desto kritischer werden diese Themen natürlich. Der Konflikt zeigt sich schon darin, dass uns die Telco-Provider teilweise geringere Service-Levels für die Datenübertragung anbieten, als die Flottenbetreiber von der Telematik erwarten. Wie soll das gehen?

Widmen wir uns mal Ihrem Unternehmen, der idem telematics GmbH. Welche neue Geräte und Funktionen hat idem telematics in den letzten 12 Monaten auf den Markt gebracht?
Unser Fokus war einerseits die App-Lösung, andererseits die Truck-/Trailer-Integration. Und wir haben sowohl für den Truck wie auch für den Trailer eine neue Geräteplattform entwickelt, die dem Nutzer eine größere Performance und höhere Flexibilität bietet. So haben wir im Trailer jetzt nicht mehr die all-in-one-Box, sondern ein modulares Gateway-Konzept, bestehend aus Router und verschiedenen Hubs, die die Sensorik für die verschiedenen Funktionen darstellen.
Haben diese Neuerungen schon in 2015 zu Vertriebserfolgen geführt oder sind das eher langfristige Investitionen?
Wir konnten im vergangenen Jahr einige größere Neukunden gewinnen, für die insbesondere die Truck-/Trailer-Integration das entscheidende Kriterium zugunsten idem telematics war.

Der Gründer und langjährige Geschäftsführer der idem GmbH –Pete Jendras- hat das Unternehmen zum Jahreswechsel verlassen. Was wird sich nun unter dem neuen Alleingeschäftsführer Thomas Piller an der strategischen Ausrichtung der idem telematics GmbH ändern?
Der Stabwechsel in der Geschäftsführung wird keine Auswirkungen auf die Strategie der idem telematics haben, denn diese haben wir 2014 gemeinsam mit dem Mutterkonzern BPW festgelegt, und wir befinden uns bereits in der Umsetzung. Die Mobilitäts- und Systempartnerschaft der BPW Gruppe ist und wird weiterhin ein klarer strategischer Fokus sein. Daneben werden wir in diversen europäischen Schwerpunktländern unseren Marktauftritt verstärken.

Herr Piller, ich danke Ihnen für das Gespräch!

(HLD, 20.03.2016)

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