Telematik Insider: Peter Giesekus im Interview

Das Portal telematikwissen.de hat sich zum Ziel gesetzt, die aktuellen und künftigen Nutzer von Telematiksystemen über technische und wirtschaftliche Aspekte des Telematikeinsatzes bei Fahrzeugflotten und anderen kommerziellen Anwendungen neutral zu informieren. Zur Abrundung unseres Informationsangebots sollen jedoch auch die Anbieter von Telematiksystemen zu Wort kommen, insbesondere wenn es um die Einordnung und Bewertung von Marktströmungen geht.

In loser Folge berichtet telematikwissen.de daher über Ansichten und Meinungen von Insidern der Telematikbranche. In dieser Reihe „Telematik Insider“ finden Sie nachfolgend ein Interview mit Peter Giesekus, Geschäftsführer der TIS Technische Informations-Systeme GmbH in Bocholt. Das Gespräch führte Prof. Dr. Heinz-Leo Dudek.

Peter Giesekus, (c) TIS Technische Informations-Systeme GmbH Bocholt

Peter Giesekus, (c) TIS Technische Informations-Systeme GmbH Bocholt

Herr Giesekus, welche aktuellen Themen rund um die Telematik bewegen derzeit die Anwender bzw. Flottenbetreiber?

Im Ladungsverkehr sind sicher der Fahrermangel und die Qualität der Fahrer ein großes Problem. Fahrstilbewertung und Fahrerunterstützung bekommen höhere Priorität. Steigende Komplexität, Lenkzeit, Arbeitszeit und ein effektives Qualitätsmanagement erfordern neue Strategien. Im Stückgutbereich wächst der B2C Markt ständig. Die Stückgutnetze sind nicht wirklich darauf eingestellt. Heute können Sie im Baumarkt z.B. einen Strandkorb, eine Wendeltreppe oder gar Rollrasen bestellen, der dann avisiert und pünktlich angeliefert werden muss. Empfänger sind Privatleute. Damit muss die Branche erst umgehen lernen.

Die Kosten in den Stückgutnetzen sind viel zu hoch. Im Eingang ist fast kein Geld mehr zu verdienen. Die Prozesse müssen stärker denn je optimiert werden, weil nur bei einer hohen Auslastung schwarze Zahlen zu machen sind. Auch die Abholdisposition wird häufig nicht optimal organisiert. Ein paar wenige Giganten kaufen sich ihr Netz zusammen und setzen die etablierten Kooperationen verstärkt unter Druck.

Und welche aktuellen Themen bewegen derzeit die Telematikanbieter im D/A/CH-Markt?

Die Telematik wird immer komplexer. Wir haben Kunden, die eine depotübergreifende Sichtweise verlangen. Sie wollen wissen, wie die Zustände an den jeweiligen Depots sind, ob der Ausgang pünktlich verladen wurde und wie hoch die Auslastungen im Abgangs- und Empfangsdepot sind. Es besteht immer mehr  Bedarf nach einer belastbaren Tourbewertung und einem übergreifenden Depotbelegungsprofil.

Mit dem Einzug von Android sind die Produktzyklen für Hardware immer kürzer geworden. Verfügbarkeitsgarantien sind kaum mehr von den Hardwareherstellern zu bekommen, weil diese sich auf den Massenmarkt fokussieren. In der Androidwelt spielt die Qualität der Deploymentsoftware eine große  Rolle.  

Einige Marktteilnehmer – vornehmlich bei den Kooperationen- propagieren, dass eine einfache App auf einem Consumersmartphone  für ein funktionierendes Qualitätsmanagement im Systemverkehr und die Ablieferscannung ausreicht. Dem ist nicht so. Deshalb ist BYOD schon wieder überholt. Bei Einsatz von Apps auf fahrereigenen Consumergeräten sinkt die Scanquote signifikant. Trotzdem kommen immer wieder neue Anbieter auf den Markt, die Erwartungen in Richtung einer „superbilligen“ Billiglösung wecken.

Die Hardwarehersteller kaufen sich gegenseitig (Zebra-Motorola-Psion, Honeywell-Intermec). Damit sinkt die Anzahl der potentiellen Anbieter im professionellen Bereich und der Wettbewerbsdruck

Welche innovativen Geräte, Dienste und Funktionen sind in den letzten 12 Monaten für alle wahrnehmbar auf den Markt gekommen?

Professionelle Androidgeräte ( z.B. Zebra TC75) sind marktreif und implementiert.  Die Qualität der Kameras erlaubt sehr gute Dokumentenfotographie. SIM-Karten mit nationalem und internationalem Roaming sind mittlerweile zu akzeptablen Preisen verfügbar. Die Abdeckung ist sehr gut. Weitere Apps überschwemmen den Markt. Parkplatzsuche,  Docstop und Dieselpreise sowie Wetterapps, alles ist für alle verfügbar.

Welche Funktionalitäten sind zurzeit bei den (potenziellen) Kunden am meisten gefragt?

Zu den klassischen Telematikfunktionen wie mobile Auftragsverwaltung, POD (Proof of Delivery; Anm. der Redaktion) und Track&Trace wird immer mehr Wert auf Unterstützung in der operativen Abwicklung gelegt. Die mobilen Lösungen übernehmen zunehmend Funktionen, die klassisch eher von Transport Management Systemen abgedeckt wurden. Die Schnittmengen mit den TMS werden größer, die Schnittstellen komplexer. Telematikanbieter können häufig flexibler und schneller als die TMS Anbieter agieren. ETA (Estimated Time of Arrival; Anm. der Redaktion), Routenoptimierung, Abfahrtskontrolle, integrierte Photographie, integriertes Trailermanagement, Ankunftsmonitoring, Avisierung, Auslastungsmonitoring in Bezug auf Laderaum, Fahrer und Zeitfenster, Management von Mehrwertleistungen sind typische häufig nachgefragte Funtionalitäten. Zunehmend besteht auch Bedarf nach Yardmanagement und nach einer Integration von Wechselbrücken und Trailern.

Welche Einflussfaktoren werden nach Ihrer Meinung die weitere Telematikdurchdringung in Transport und Logistik in den nächsten 2 bis 3 Jahren bestimmen?

Kostenmanagement und Services sind die große Herausforderung. Der wachsende Internethandel ist nicht mehr nur für die KEP-Dienste relevant. Avisierung ist auch im Ladungs- und Teilladungs-Bereich erforderlich und setzt eine exakte ETA voraus. Kurze Lieferzeitfenster und zunehmende Restriktionen in der Innenstadtbelieferung, Same day delivery sind  ohne Telematik nicht zu bewerkstelligen. Auch das Handling in der Halle und das Qualitätsmanagement bei abnehmender Fahrerqualität erfordert eine neue Sichtweise auf viele Prozesse.

Wo erwarten Sie im Telematikangebot auf dem Markt die nächsten Entwicklungssprünge?

Diverse Anbieter arbeiten an einer mobilen Lösung für das „Dimensioning“. Das heißt die mobile Erfassung von Packstückabmessungen. Wenn diese Funktion zur Verfügung stünde, würden Handling und Planung wesentlich erleichtert. Auch neue Hardwarekonzepte wie das Zebra TC8000 werden das Handling vereinfachen. Die Daten, die durch die FMS Schnittstelle zur Verfügung stehen, werden wahrscheinlich noch umfangreicher und werden neue Möglichkeiten bei der Fahrerunterstützung und Bewertung bieten.

Welche Auswirkungen der Industrie 4.0 Konzepte auf die IT-Systeme der Transportlogistik –und damit auch auf die Telematik- erwarten Sie in den nächsten Jahren?

Wir erwarten keine bahnbrechenden Neuerungen. Wir beschäftigen uns schon lange mit Vernetzung von Waren und Dienstleistungen. Bisherige Entwicklungstrends werden weiter Bestand haben. Sendungsgrößen werden kleiner, Sendungsanzahlen steigen, Lieferfenster werden kürzer, Datenintegration komplexer, Prognosetools verfeinert, der Automatisierungsgrad im Umschlag steigt.

Sind in den letzten 12 Monaten aus Ihrer Wahrnehmung neue Anbieter in den deutschsprachigen Markt eingetreten?

Es sind keine neuen Player in den Markt eingetreten, die auch große Projekte im FTL oder LTL Markt bewältigen könnten. Bei den „mittelstandsfokussierten“ Anbietern hat sich nach unserer Wahrnehmung nicht viel verändert. Natürlich steigt die Anzahl einfacher App-Anbieter deutlich. Wir sind jedoch skeptisch, ob die Geschäftsmodelle dieser Newcomer tragfähig sind.

Wer sind nach Ihrer Wahrnehmung im deutschsprachigen Markt in den diversen Marktsegmenten die „stärksten“ Telematikanbieter?

In der Lkw-OEM-Telematik ist das sicher Fleetboard, beim Trailer Schmitz Cargobull Telematics. Im Nachrüst-Bereich sehe ich bei den schweren Lkws Transics und TIS, und beim Trailer Dreyer+Timm.

Wie sehen Sie die Marktchancen für die in letzter Zeit verstärkt in den Markt drängenden Integrationsportale, a la Gatehouse oder NICbase?

Die derzeitige Praxis lässt uns eher skeptisch sein. TIS bietet auch ein Integrationsportal. Ein Standardformat für die Datenkommunikation wird es sicher auch nicht bald geben. Schnittstellen oder Webservices zu integrieren ist kein echtes Problem mehr. Unsere Kunden verlangen von uns, dass wir auch Fahrzeuge, die nicht unsere Endgeräte haben, in unserem Webportal visualisiert werden. Eine Server-Server Verbindung  zwischen Telematikern ist kein großes Problem.

Sehen Sie im Umfeld der Telematik sich ändernde Randbedingungen, die den Telematikmarkt beeinflussen werden?

Die Kommunikationskosten werden sicher weiter sinken, die Navigation mit der ETA-Berechnung wird besser werden, gleiches erwarte ich für Scanhardware und Kameras. Aber es wird auch für unsere Kunden nicht leichter werden. Weniger Innenstadtslots, Lärmreduktionsvorschriften, Carbon footprint und Citymaut sind Beispiele für stärkere Restriktionen.

Wenden wir uns nun Ihrem Unternehmen, der TIS GmbH, zu. Welche neue Geräte und Funktionen hat TIS in den letzten 12 Monaten auf den Markt gebracht?

Wir haben neue Android basierte Scanner von Zebra und Honeywell sowie das Samsung Tablet in unsere Systeme integriert, und wir haben auch für die neuen Geräte eigene Fahrzeugcradles und Gungrips entwickelt. Durch die Weiterentwicklung der Software erkennen unsere Systeme nun automatisch welcher Trailer auf- bzw. abgesattelt wird. Ebenso haben wir Temperatur-relevante Funktionen integriert und die Tourbewertung deutlich erweitert und verbessert. Eine Tour kann damit ausführlich analysiert, verglichen und bewertet werden. Auch hinsichtlich des Depot-Belegungsprofils hat sich einiges getan. TIS erkennt die Anzahl der Lkws in den jeweiligen Depots, den Erledigungsgrad von Touren und schafft Transparenz für die Supervisoren in einer heterogenen und Multidepot strukturierten Organisation. Neu ist auch eine Umkreissuche mit Berücksichtigung historischer Daten, so dass man z.B. auswerten kann, wer gestern oder letzte Woche denn in der Nähe des Kunden XY war.

Haben sie in letzter Zeit neue Hardware-oder Software-Technologien in Ihre Systeme integriert? Was bringen diese dem Nutzer?

Wir haben sehr komplexe Neuerungen auf den Markt gebracht. TISLOG ist ein völlig neues System mit neuer Architektur, das die bestehende TIS PSV3 Welt ergänzt. TISLOG office basiert auf Cloud-Technologien. Durch die reine Webservice-orientierte Architektur hat sich die Flexibilität und Redundanz erhöht. Die Mehrwerte für den Anwender sind daher Ausfallsicherheit, Performance durch Skalierbarkeit, und die einmalige Implementierung von Webservices bei mehrfacher Verwendung. So kann z.B. ein Webservice für die Lenkzeit eingesetzt werden in Infodesk, TLmE, TLmS, und TLmP. Außerdem wurde TISLOG Smart, eine Lösung für den Spot- und Charterverkehr erfolgreich implementiert.

Konnten Sie im Jahr 2016 schon interessante Neukunden gewinnen?

Ja, absolut. Zu den Neukunden zählen beispielsweise EC Logistik /ÖBB, Lebert , DHL Freight in Frankreich und UK, Emons, Schüco und TLT. Darüpber hinaus waren wir bei diversen Mittelständölern erfolgreich.

Herr Giesekus, vielen Dank für die Informationen.