PKW-Telematik kommt in Fahrt

PKW-Telematik kommt in Fahrt

Eine aktuelle Studie der DHBW Ravensburg zeigt, dass in den Markt der Telematiksysteme im PKW langsam Bewegung kommt. Nach den schon länger verfügbaren Angeboten der Fahrzeughersteller, meist als relativ teure „Infotainment“-Paket angepriesen, haben sich nun auch interessante Nachrüstlösungen am Markt etabliert. Die Studie benennt und analysiert die bekanntesten PKW-Telematikangebote.

Überblick zur Studie

Stefan Klingenberg, Student des Wirtschaftsingenieurwesens an der DHBW Ravensburg, hatte sich in seiner in Q4/2016 durchgeführten Studie verschiedene Ziele gesetzt. Als übergeordnetes Ziel seiner Arbeit stand die Erstellung eines Kriterienkatalogs für State-of-the-Art Connected-Car Nachrüstlösungen im Mittelpunkt. Hierfür wurden zunächst einige OEM Lösungen im Bereich Telematik (d.h. die Angebote der PKW-Hersteller) aufgeführt und verglichen, bevor der Fokus auf die Nachrüstlösungen überging. Letztere stellten den Hauptuntersuchungsbereich dar. Untersucht wurden die Systeme

  • Mercedes ME
  • ThinxNet Tanktaler
  • Pace
  • Mobility Media/Bosch Drivelog
  • TomTom Curfer
  • VIMCAR
  • Fleetize

Abgerundet wurde die Untersuchung durch einen Praxistest sowie ein Feldexperiment.

Erkenntnisse der Studie

Eine interessante Erkenntnis der Studie ist, dass im Gegensatz zu den OEM-Lösungen die Nachrüstsysteme lediglich ein Smartphone zur Bedienung der Telematiklösung und ggfs. ein Schnittstellenmodul zur Anbindung an die Fahrzeugelektronik erfordern. Die erforderliche Smartphone App ist bei sämtlichen Anbietern kostenfrei erhältlich.
Finanziert werden die Dienste meist durch den Kauf oder die Miete der OBD2-Module, Kundenbindung an Werkstätten (z.B. Mercedes) oder große Einkaufsgemeinschaften (z.B. Tanktaler). Demnach unterscheiden sich die Systeme auch preislich. Während der Stecker von Tanktaler in den Metropolregionen München, Köln und Stuttgart kostenfrei erhältlich ist, liegt die Konkurrenz zwischen 50 Euro (Mercedes) und 99 Euro (Pace). Einziger Ausreißer ist das System von VIMCAR, welches einzig ein elektronisches Fahrtenbuch liefert, bei einem Preis von 699€ zzgl. MwSt.
Der Fokus bei der Analyse der Funktionalität lag auf den Bereichen:

  • E-Call / Notruffunktionen
  • Wartungsdienste
  • Tankstellensuche
  • Kraftstoff-Tracking
  • Elektronisches Fahrtenbuch
  • Ortung
  • Bezahlfunktionen
  • Bonusprogramme

Nachfolgendes Netzdiagramm zeigt die Funktionalitäten der untersuchten Systeme im Vergleich nach einer vom Autor der Studie durchgeführten Nutzwertanalyse:

Netzdiagramm Pkw-Telematik

Netzdiagramm Pkw-Telematik

E-Call Funktionalität

Die Funktionalität eines E-Calls bzw. einer Notruffunktion wird nur in wenigen Nachrüstlösungen angeboten. Das System Pace, welches in einem mehrstufigen Prozess versucht, Kontakt mit dem Fahrer aufzunehmen, darf dabei als einziger „richtiger“ E-Call bezeichnet werden. Erwidert der Fahrer den Kontakt weder in der App, noch nach einem Anruf, wird ein automatischer Notruf ausgelöst und die Fahrzeugposition übermittelt. Bei einigen anderen Telematik-Anwendungen lässt sich nach einem Unfall oder einer Panne lediglich Hilfestellung in der App anzeigen oder ein hinterlegter Pannendienst kontaktieren.

Wartungsdienste/ Fahrzeugstatus

Außer bei Mercedes ist die Übermittlung von Daten an eine hinterlegte Werkstatt noch nicht möglich. Jene Funktion würde die Kommunikation zwischen Nutzer und Service-Mitarbeiter deutlich vereinfachen und beschleunigen.
Alle Nachrüstlösungen bieten allerdings zumindest das Überprüfen von Standard-Fahrzeugfunktionen wie dem Tankfüllstand oder dem Batterieladestatus.
Einen großen Mehrwert generieren auch einige Apps, die den Fehlerspeicher des Fahrzeugs auslesen und etwaige Fehlercodes in verständlicher Sprache darlegen.
Als ebenso positiv zu bewerten gilt die Aufzeichnung von Fahrdaten wie der Motorlast, Querbeschleunigung, Bremsverhalten, usw. Der Nutzer kann so einen detaillierten Einblick in den Zustand seines Fahrzeugs erhalten.

Tankstellensuche

Bei einigen Telematik-Apps ist eine Tankstellensuche integriert. Es werden Tankstellen in der Nähe des aktuellen Aufenthaltsorts inkl. deren Preise angezeigt, teils auch mit Öffnungszeiten. Diese Funktion scheint jedoch noch nicht sehr ausgereift. Es fehlen die deutschlandweite Suche, die Anzeige von Tankstellen in der Nähe einer Route sowie der Verlauf der Kraftstoffpreise in einem bestimmten Zeitraum. All jene Funktionen werden bereits heute schon von einfachen „Tankstellensuche-Apps“ abgedeckt und sollten auch in die Telematik-Anwendungen integriert werden, um einen echten Mehrwert für den Nutzer zu generieren.

Kraftstoff-Tracking

Das Kraftstofftracking hingegen funktioniert (falls vorhanden) sehr einfach und intuitiv. Durch Hinzufügen des Liter-Preis behält man einen guten Überblick über das Tankverhalten. Ergänzt werden könnte diese Funktion durch die Visualisierung der Daten in Diagrammen und Grafiken, welche einfacher zu deuten sind.

Elektronisches Fahrtenbuch

Ausnahmslos alle Anbieter von Nachrüst-Telematik-Systemen zeichnen die Daten zu jeder Fahrt auf und stellen sie in einem elektronischen Fahrtenbuch zusammen. Zur einfacheren Nachverfolgung werden die Fahrten in einigen Systemen auf einer Karte dargestellt. Auch die Markierung von wesentlichen Punkten (z.B. starkes Beschleunigen, usw.) hilft dem Nutzer enorm, seine Fahrt nachzuvollziehen.
Der Nutzer kann meist jede Fahrt nachträglich einordnen, je nachdem ob er privat oder geschäftlich unterwegs war. Diese Funktion in Kombination mit dem elektronischen Fahrtenbuch soll ein herkömmliches Schriftführen über jede einzelne Fahrt überflüssig machen. Die Anerkennung der Aufzeichnungen durch das Finanzamt und somit der Ersatz eines Fahrtenbuchs kann jedoch im Einzelfall von den Telematikanbietern nicht garantiert werden.

Besonderheiten

Ein Alleinstellungsmerkmal im Telematik-Nachrüstbereich weist Tanktaler auf. Die App integriert eine Bezahlfunktion, mit der Tankvorgänge einfach und schnell online abgeschlossen werden können. Nach einer Betankung des Fahrzeugs kann der Nutzer innerhalb der App bezahlen und muss nicht mehr an der Kasse erscheinen. Vor allem Personen, die gerne Zeit sparen möchten oder Vielfahrer /-tanker werden diese Funktion zu schätzen wissen. Leider ist der In-App Bezahlvorgang nur an wenigen ausgewählten Tankstellen im Beta-Stadium möglich.

Die meisten Hersteller bieten bereits Bonusprogramme an. Diese liefern dem Endkunden entweder einen direkten baren Mehrwert oder sollen indirekt zur Kostenreduzierung beitragen.
Ersterer wird durch das Sammeln von Punkten pro zurückgelegtem Kilometer sowie pro getanktem Liter Kraftstoff generiert. Ab einer gewissen Anzahl kann der Nutzer die Bonuspunkte gegen Tankgutscheine einlösen. Der Mehrwert für den Verbraucher ist hier offensichtlich, der ohne Mehraufwand einen Teil seiner laufenden Kosten zurückerhält.
Die zweite Variante soll indirekt Kosten reduzieren. Hierbei bewertet die App live das Fahrverhalten und gibt Hinweise zur Verbesserung. Diese beziehen sich bspw. auf ungünstige Beschleunigungs- oder Bremsvorgänge. Durch Umsetzung der Hinweise sollen Fahrstil und Motorauslastung verbessert werden, was zu einer Kraftstoffeinsparung führen kann. Auch diese Möglichkeit der monetären Einsparung bietet einen gewissen Mehrwert für alle Nutzer, zumal das System die Motivation steigert, noch ausgewogener zu fahren.

Die genaue Erläuterung der Nutzwertanalyse und die Ergebnisse der Systeme in den Einzelkategorien sind in der Studie enthalten. ==> ZUR STUDIE