Neutralität im Zeitalter von Big Data

„Daten sind das Öl des 21. Jahrhunderts“ (Stefan Groß-Selbeck, Ex-CEO von Xing 1). Übertragen auf das Vorbild des Öls: Wer Daten hat, hat damit also auch Macht. Die Frage an dieser Stelle ist:
„Wie können wir unserem Mittelsmann vertrauen, der uns Daten eines Dritten überliefert?“
Gerade im Telematik-Bereich, stellt sich diese Frage ganz besonders. Über Systemgrenzen hinaus werden heterogene Daten ausgetauscht. Wer kümmert sich darum, dass diese neutral und korrekt übertragen werden?
Diesen Ansatz nutzen Integrationsportale, wie sie unter anderem auch im Deutschen Telematik Preis 2018 getestet wurden.

Rolle eines Integrationsportal-Anbieters in Bezug auf Daten

Das Unternehmen GateHouse Logistics aus Dänemark gilt als einer der Vorreiter und hat aktuell ein kostenloses eBook veröffentlicht, um die Thematik zu verdeutlichen. Mette Lilkaer von Gatehouse Logistics gibt uns einen exklusiven Einblick zum Thema Daten/ Datenneutralität im Bereich Telematik. (Zum Originaltext auf Englisch)


Telematikwissen.de (tmw.de): In Ihrem eBook „Gateway to Supply Chain Sanity“ betonen Sie, dass „Data Sharing“ von großer Relevanz für die Branche ist, um Vernunft in die Supply Chain zu bringen. Was verstehen Sie unter „Data Sharing“ in diesem Kontext?
Mette Lilkaer (GateHouse Logistics) (ML): Wir glauben daran, dass Logistikdaten zwischen relevanten Parteien geteilt werden sollten – seien es Daten in Bezug auf die Ladung oder den Transportfortschritt, Temperatur, Türsensoren etc. Daten sind der Schlüssel, um die Visionen der Industrie 4.0 umzusetzen. Daher ist das Teilen von Daten zwischen allen Beteiligten entlang der Supply Chain notwendig.


tmw.de: In Ihrem eBook geht es auch darum, dass „Transaktionsplattformen“ in der Vergangenheit zum Teil andere Ziele hatten, als neutral Daten zu übertragen. Was waren das für Zielkonflikte in diesem Zusammenhang?
ML: Wir sehen, dass es in verschiedenen Fällen ein Überlappen an Funktionalität gab. Einige Transaktionsplattformen bieten sowohl “Track and Trace”, als auch TMS-Funktionalitäten. Bei GateHouse Logistics konzentrieren wir uns darauf nur einen bestimmten Teil der Daten zu verwalten, um damit nicht in Konkurrenz zu TMS-Anbietern zu geraten.


tmw.de: Sie betonen, dass Neutralität eine der wesentlichen Stärken der Software Ihres Hauses ist. Wie stellen Sie das sicher?
ML: GateHouse Logistics ist ein vollkommen unabhängiges Unternehmen. Dadurch hat es keine Interessenskonflikte mit Transportunternehmen, Fahrzeug- oder Hardware-Herstellern. Neutralität gehört zu unserem Kerngeschäft: wir integrieren Daten von einer Reihe an unterschiedlichen Unternehmen, die an einem Tag als Partner zusammenarbeiten und sich am nächsten Tag als Wettbewerber gegenüberstehen. Dieser Rollenwechsel in der Transport- und Logistik-Branche kommt von der enormen Fragmentierung innerhalb der Industrie und der weit verbreiteten Nutzung von Unterauftragnehmern. Ohne den Fokus auf Neutralität könnten wir niemals Zugang zu diesen Daten bekommen.


tmw.de: In Ihrem eBook sprechen Sie zudem die „Selbstbestimmtheit“ über Daten an. Sie sind sehr aufmerksam, was das Thema Recht an Daten angeht. Zu diesem Thema haben Sie eine „Bill of Rights for Carriers“ veröffentlicht. Was ist das und warum ist es für Sie und Ihre Kunden wichtig?
ML: In unserer Bill of Rights geht es darum, wem Daten gehören. Daten gehören immer jemandem und in der Transportindustrie gehören Daten zum Transportunternehmen. Das Transportunternehmen seiner Seits kann entscheiden, mit wem sie diese Daten teilen möchten. In jedem Fall ist das Teilen von Daten wesentlich für die vierte Industrielle Revolution: auf Grund dieser herausragenden Rolle müssen klare Regeln für alle involvierten Partner entlang der Supply Chain aufgestellt werden. Die “Bill of Rights” zielt darauf ab, dass Transporteure Telematik-Daten mit Versendern als standardisierte Praxis teilen und dennoch ihr eigenes Interesse im Prozess schützen. Mit der “Bill of Rights” für Transporteure weiß das Transportunternehmen genau, unter welchen Bedingungen es Daten teilen darf.


tmw.de: Wie würde Ihre perfekte Welt für einen reibungslosen Datenaustausch aussehen? Welche Rahmenbedingungen müssten sich ändern?
ML: Als ersten Schritt müssten wir die Zurückhaltung der Transporteure, Daten zu teilen, überwinden. Verbesserte Sichtbarkeit heißt verbesserte Möglichkeiten um Optimierungspotential für die gesamte Industrie zu realisieren. Es ist in jedem Fall klar, dass damit alle Beteiligten – auch die Transportunternehmen – entlang der Supply Chain von dieser verbesserten Sichtbarkeit durch das Teilen von Daten profitieren. Das würde zumindest die Zurückhaltung der Transportunternehmen auflösen.
In einer perfekten Welt in Bezug auf Datenaustausch wären einheitliche Logistikdaten aus der Cloud verfügbar und jeder der Beteiligten hätte die Möglichkeit die Daten abzurufen, die ihm zugeordnet sind. Nichtsdestotrotz man sollte mit dem Thema “Teilen von Daten” sensibel im Rahmen bestehender Sicherheitsregularien vorgehen.

1. Vertriebszeitung – Wie Ihr Vertrieb von guten Kundendaten profitiert, http://vertriebszeitung.de/wie-ihr-vertrieb-von-guten-kundendaten-profitiert/ (26.11.2017)

Zum Interviewpartner

GateHouse Logistics ist ein Unternehmen aus Dänemark, das dabei hilft, Datenströme aus der Logistik zu aggregieren. Sie arbeiten dabei als neutraler Partner zwischen Akteuren innerhalb der Suppy Chain. Ihre Dienste zählen zu den sogenannten Integrationsportalen, um der Heterogenität der Telematikbranche Rechnung zu tragen.
• Das eBook ist erhältlich unter folgendem Link: https://gatehouse.dk/logistics/gateway-supply-chain-sanity/
• Die Bill of Rights for Carriers ist zugänglich unter folgendem Link: https://gatehouse.dk/wp-content/uploads/2017/11/Bill-of-Rights-for-Carriers.pdf

Hier die englische Originalfassung

tmw.de: In your ebook you emphasize the relevance of data sharing for the transportation branch to reach supply chain sanity. What is your understanding of data sharing in this context?
ML: We believe that logistics data – being data concerning the load and the transport progress, temperature, door sensor etc. – should be shared between relevant parties. Data is the key to enable the visions of industry 4.0 and therefore data sharing is needed between all relevant stakeholders along the supply chain.

tmw.de: Your ebook is about transaction plattform, that had different goals in the past then submitting data independently. Please describe some of these goal conflicts.
ML: We see in some cases that there is an overlap of functionality. Some transaction platforms include both track and trace and TMS functionalities. At GateHouse Logistics we focus on providing a very narrow data service not in competition with TMS providers.

tmw.de: You stress the neutrality of your plattform. How do you ensure this?
ML: GateHouse Logistics is totally independent software company. It has no clashes of interests with any transport company, any vehicle manufacturer or any hardware provider. Our neutrality is our prime focus because we integrate data from a ranch of different companies who one day work as partners and the next day consider each other as competitors. The changing roles of companies in the transport and logistics industry derives from the extreme fragmentation of the industry and the widespread use of subcontractors. Without focus on neutrality we could not get access to data.

tmw.de: As part of your ebook you call the sovereignty about data. One notices you are handling data and ist rights with care. In this regard you have published a „Bill of Rights for Carriers“. What is it and why is it important for you and your customer?
ML: Our Bill of Rights addresses the issue of who owns data. Data always belong to someone and in the transport industry, data belongs to the transport company. The transport company can decide with whom they want to share their data. However, data sharing is instrumental to the success of the fourth industrial revolution and therefore clear rules for all involved in the supply chain must be established. The Bill of Rights aims to encourage carriers to share telematics data with shippers as standard operational practice and protect their commercial interests in the process. With the Bill of Right for Carriers the transport company knows exactly under which terms it is sharing data.
tmw.de: How would a perfect would for smooth data exchange look from your point of view? Which parameters would have to change?
ML: As a step one, we need to remove the reluctance from the carriers towards data sharing. Increased visibility means beneficial optimization possibilities for the industry. However, it is important that all stakeholders – also the transport companies – along the supply chain are benefitting from the increased visibility provided by the data sharing. That would remove the reluctance from the transport companies.
In a perfect world of data exchange the unified logistics data is available in the cloud and every stakeholder will have the possibilities to access the data that they are entitled to. And of course, the data sharing should be handled in compliance with the necessary data security rules.

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