Industrie 4.0 und die Transportlogistik

Österreichisches Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie veröffentlicht eine aktuelle Studie zur Auswirkung von Industrie 4.0 auf die Transportwirtschaft und Logistik

Seit einiger Zeit beherrschen Schlagworte wie „Industrie 4.0“, „Internet der Dinge“ oder „Cyberphysische Systeme“ die Medien, wenn es um die Zukunft der Wirtschaft und damit auch der Gesellschaft geht. Auch die deutsche Bundesregierung treibt unter dem Begriff Industrie 4.0 ihre Hightech-Strategie der Informatisierung bzw. Digitalisierung der klassischen Industriezweige voran. Das Ziel ist vor allem die intelligente Fabrik (“Smart Factory“), die sich durch Wandlungsfähigkeit, Ressourceneffizienz und Ergonomie sowie die Integration von Kunden und Geschäftspartnern in Geschäfts- und Wertschöpfungsprozesse auszeichnet. Die Idee der Industrie 4.0 fokussiert dabei vordergründig auf produzierende Unternehmen und damit intralogistische Prozesse. Vernetzte Maschinen, Lagersysteme und Betriebsmittel sollen fähig sein, eigenständig Aktionen auszulösen und sich gegenseitig zu steuern.
Durch die bestehenden IT-Systemgrenzen zwischen den produzierenden, transportierenden und lagernden Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette bestehen jedoch Medienbrüche, die einen nicht durchgängigen bzw. intransparenten Informationsfluss mit sich bringen. Es stellt sich daher die Frage, welche Anforderungen die Einführung von Industrie 4.0 Konzepten bei den produzierenden Unternehmen auf die Akteure und Prozesse in Transport und Logistik haben wird.

Im Nachbarland Österreich hat das Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie diese Problematik erkannt und im Projekt IND4LOG4 hinsichtlich folgender Fragen untersuchen lassen:
• Welche Rahmenbedingungen werden im Zusammenhang mit Digitalisierung für die Logistik und Transportwirtschaft zu beachten sein?
• Welche Rahmenbedingungen für Unternehmen müssen geschaffen bzw. geändert werden?
• Wo entstehen neue Potenziale für Forschung und Entwicklung im Bereich Güterverkehr und Transportwirtschaft durch Industrie 4.0?

Beauftragt mit der Beantwortung der skizzierten Fragestellungen wurde ein Projektkonsortium aus drei Akteuren:
• Abteilung Research, Analysen und Internationales der Oesterreichischen Kontrollbank (OeKB),
• Institut für Transportwirtschaft und Logistik (ITL) an der Wirtschafts Universität Wien
• Institut für Betriebswirtschaftslehre des Außenhandels an der Wirtschafts Universität Wien

Als sehr wichtige Faktoren für zukünftige Geschäftsmodelle von Transportunternehmen wurden die Verfügbarkeit und der Zugang zu Daten für alle Beteiligten entlang der Wertschöpfungskette identifiziert, wobei aber viele produzierende Unternehmen bzw. Verlader auch Bedenken haben, ob die generierten Daten bei „Dritten“ (und dies sind i.a. die Logistikdienstleister) auch vertraulich und sicher genug verwahrt werden. Nach Ansicht der Autoren bietet sich nach Überwindung dieser Vertrauenshürde durch die zentrale Position der Logistikdienstleister in der Wertschöpfungskette die Möglichkeit, große Mengen an Daten zu integrieren und dadurch einen gesamthaft gesehen effizienteren und durchorganisierteren Ablauf entlang der gesamten Lieferkette zu gestalten.
(Anmerkung von telematikwissen.de: Das bedeutet für die Telematikanbieter der Transportlogistik Fluch und Segen zugleich. Einerseits werden die am oder im Fahrzeug erhobenen Daten für das Gesamtsystem Logistik immer wichtiger, andererseits werden weitere IT-Anbieter versuchen, diese Datenwolke zu bedienen.)
Abseits der sich aus der Digitalisierung entstehenden Chancen ergeben sich laut der Studie aber auch neue Geschäftsfelder, die durch die veränderten Bedürfnisse sowohl der Endkunden als auch der Industriekunden bedingt sind. Bei ersteren erfolgt durch die zunehmende Verkleinerung der Sendungen und den Wunsch nach möglichst rascher Lieferung eine enorme Stärkung der KEP-Dienstleistungen und konsequenterweise die Entwicklung von „Same-Day-Delivery“-Konzepten. Dies bedingt aber für viele Handelsunternehmen neue Herausforderungen bezüglich Zulieferplanung und Lagermanagement (Bereich „Predictive Analytics“) und betrifft damit Kernkompetenzen von Logistikdienstleistern. Bei letzteren verändern sich vor allem Produktionsprozesse (Stichwort „Additive
Produktion“; derzeit hauptsächlich im Prototyping), die neue Zulieferstrukturen im Bereich der Roh- und Halbfertigerzeugnisse bedingen, und flexible Produktionsplanungen, die eine Just-In-Time (JIT) oder -Sequence (JIS) Produktion in Bereichen und für Gütergruppen entstehen lassen, die bisher nicht möglich oder erforderlich war. Aufgrund dieser Änderung wird es aber nach Auffassung der Autoren auch notwendig, die Zulieferkonzepte zu flexibilisieren und etwa Long-Distance-JIT-Anlieferungen einplanen zu können.

Die Studie aus Österreich belegt aber auch, dass die heute schon bestehende Schnittstellenproblematik zwischen den verschiedenen IT-Systemen des Logistikdienstleisters und der Telematik nun auch auf der Ebene zwischen Industrie und Transportlogistik angegangen werden muss. Auf Basis der empirischen Erhebungen im Zuge der Studie zeigte sich nämlich, dass die Datenbestände oder die Generierungsverfahren nur in seltenen Fällen so gestaltet sind, dass tatsächlich eine Interoperabilität oder Anschlussfähigkeit an Dritt-Systeme gegeben ist. Ohne einheitliche Datenstandards und Austauschprozeduren sowie Regeln zu Datenschutz und Datenverfügbarkeit ist nach Auffassung der Autoren eine effiziente Umsetzung von Industrie-4.0-Konzepten nicht oder nur sehr schwer möglich.
Die gesamte Studie zum Download finden Sie hier:
https://www.bmvit.gv.at/innovation/publikationen/verkehrstechnologie/downloads/ind4log.pdf

IND4LOG4

IND4LOG4

Abschließend ein Youtube-Video der IG Metall, die sich an einer Erklärung für “Industrie 4.0″ versuchen: