Baustelle E-Mobility im Lastverkehr

eTrucks der großen OEMs

1‘000‘000 E-Fahrzeuge auf deutschen Straßen bis 2020 ist das ambitionierte Ziel der Bundesregierung1. Ihren Teil möchte dafür auch die Transportbranche beitragen, so ist „New Mobility World Logistics“ einer der Themenschwerpunkte der IAA Nutzfahrzeuge 20182.
Zuletzt haben auch die Großen der Lkw-Branche eTrucks, also Lkws mit elektrischem Hauptantrieb, vorgestellt. Allzu oft liest man dabei Phrasen wie: „ab Ende 2017“, „Erprobung“, „Abschluss einer Entwicklungspartnerschaft“, etc3 oder 4. Das gibt nichtsdestotrotz Hoffnung, dass in naher Zukunft auch im Lastverkehr eMobility den Anschluss finden wird.

Streetscooter der Deutschen Post

Besondere Aufmerksamkeit in diesem Zusammenhang erregt dabei die Deutsche Post, die mit ihrem Streetscooter, einem elektrisch betriebenen Lieferwagen des gleichnamigen Tochterunternehmens Streetscooter GmbH, das Thema selbst offensiv angegangen ist. In einem eigenen Werk wird das auf Post-Bedürfnisse abgestimmte Fahrzeug, eine Art kleiner Kastenwagen, hergestellt.
In Berichten heißt es, dass 3000 dieser Fahrzeuge bereits für die Deutsche Post im Einsatz seien und auf Grund der Nachfrage diverser Dritt-Kunden das Produktionsvolumen verdoppelt worden sei, so ein aktueller ZDF-Bericht (ZDF vom 08.08.2017)5 .

StreetScooter Produktion 2016 Nr. 01, (C) Streetscooter GmbH

StreetScooter Produktion 2016 Nr. 01, (C) Streetscooter GmbH

Der nächste Platzhirsch?

Sogar in die Verbraucher-Sendung WISO des ZDF (07. August 2017)6 hat es ein „Praxistest“ der neuen elektrischen Fahrzeuge der Post geschafft . Dort werden äußerst kritische Stimmen von Nutzern des Elektrofahrzeugs eingefangen. Besonders markant: eine geringe Ladefläche, niedriger Komfort und funktionale Design-Probleme einiger Fahrzeugteile. Das alles klingt danach, als ob dieses Modell trotz positivem Image nicht allzu schnell den restlichen deutschen Kurier-, Express- und Paketdienste-(KEP)-Markt erobern wird.
Spannend könnte in diesem Zusammenhang aber die angekündigte Zusammenarbeit des Logistikunternehmens mit dem Fahrzeughersteller Ford sein7. Produziert werden soll dabei der „Work XL“ als Ergänzung zu den bisherigen „Work“- und „Work L“-Fahrzeugmodellen. Gerade das Problem der niedrigen Ladungsfläche soll ein Ford Transit-Aufbau beheben. Doch ob diese „Verbesserung“ den entscheidenden Ausschlag liefert, bleibt mehr als fraglich. Als kritisch gelten nach wie vor die E-Fahrzeug-typischen Themen wie z.B. stark begrenzte Reichweite, hohe Anschaffungskosten, teure Lebenszykluskosten (Total Cost of Ownership, TCO).

 

StreetScooter Einsatz 2016 Nr. 02, (C) Streetscooter GmbH

StreetScooter Einsatz 2016 Nr. 02, (C) Streetscooter GmbH

Heute (noch) keine Option für den Fernverkehr

Obwohl es für den Lieferverkehr im kleineren Maßstab durchaus relevant wird, scheint es für den Fernverkehr nach wie vor bei den Konzepten und Studien der LKW-OEMs zu bleiben. Wesentlicher Grund dafür sind die äußerst begrenzten Reichweiten der Fahrzeuge und die Unsicherheit in Bezug auf das Vorhandensein der Ladeinfrastruktur und die erforderliche Ladezeit.
Fahrzeuge wie der Streetscooter können daher wohl eher den Bereich abdecken, bei dem nicht mehr als 80km für eine Tour geplant ist, und keine Schwerlasten bewegt werden und definierte Start- und Zielpunkte ein Aufladen sicherstellen. Die entsprechenden Branchen, für die das relevant sein könnte, sind z.B. KEP, Personentransport in kleinerem Maßstab, Servicefahrzeuge oder Winterdienst. Diese Einschätzung bestätigen auch Experten, die im Rahmen des Ergebnispapier Nr. 9 der Begleit- und Wirkungsforschung des „Schaufenster Elektromobilität“ (BuW)8 online befragt worden sind.

Auswirkung auf die Telematik

In der angesprochenen Expertenbefragung äußerten einige Teilnehmer Bedenken bezüglich der Verfügbarkeit von Daten am Fahrzeug-CANBUS, wodurch ebenfalls die Telematik-Branche betroffen ist – z.B. in gängigen Standards, aber auch Funktionalitäten.
In der Tat hat das Thema eMobilität einen großen Einfluss auf bestehende Themen, z.B. den FMS-Standard. Alleine dieser bestehende Standard müsste ausgeweitet werden, bzw. eine Harmonisierung zwischen E-Fahrzeugen und Verbrennungsmotoren getroffen werden. Das liegt daran, dass Parameter für Lkws mit Bezeichnungen wie „Fuel Consumption”, “Fuel Economy”, “High Resolution Fuel Consumption (Liquid)”, “Aftertreatment 1 Diesel Exhaust Fluid Tank 1 Information” nur für Verbrenner relevant sind. Für Elektromobile gelten komplett neue Kennzahlen, wie z.B. Batteriespannung, -temperatur, etc.
Ebenso bedingt der neue Antrieb die Anpassung von Funktionalitäten wie Driver Score Modellen, von „Estimated Time of Arrival“-Angaben (sog. ETA) etc., weil mit eMobilität neue Rahmenbedingungen geschaffen werden, so wie zeitintensive Ladestops, Wegfallen diverser Motorkenndaten, Wegfall von „Zündsignalen“, aber auch Veränderung der optimalen Geschwindigkeitskorridore.

Mercedes-Benz Vision Van, (C) Mercedes-Benz

Mercedes-Benz Vision Van, (C) Mercedes-Benz

Ausblick

Wir begrüßen die Initiativen der Fahrzeug OEMs, Elektromobilität voranzubringen. Verringerte Emissionen durch weniger Verbrennungsmotoren sind selbstverständlich wünschenswert. Dass auch diese Antriebstechnologie Opportunitätskosten fordert (Stichwort: Seltene Erden & Lithium für Akkus), darf dabei jedoch nicht komplett vernachlässigt werden.
Solange jedenfalls kaum E-Fahrzeuge im Lastensegment am Markt sind, wird der Trend nicht akut die Telematik im Lastverkehr betreffen. Wir empfehlen dennoch gerade für Pkw-Telematik-Systeme Lösungen auch für Elektrofahrzeuge anzupassen, nachdem in diesem Segment zunehmend interessante Fahrzeuge auf den Markt kommen. So passiert es durchaus dem ein oder anderen Hybrid-/E-Fahrzeug-Besitzer, dass sein Telematik-OBD2-Stecker außer Funktion ist, weil dort kein Zündsignal erkannt wird.


1. Bundesregierung: Leitmarkt und Leitanbieter für Elektromobilität, https://www.bundesregierung.de/Webs/Breg/DE/Themen/Energiewende/Mobilitaet/podcast/_node.html (04.09.2017)

2. VDA: Ausblick auf die IAA Nutzfahrzeuge 2018, https://www.iaa.de/iaa/iaa-nfz-2018/ (04.09.2017)

3. MAN: Lkw der Zukunft – MAN liefert nachhaltige Konzepte im Bereich Elektromobilität.: Z.B. https://www.truck.man.eu/de/de/eTruck.html (04.09.2017)

4. Mercedes-Benz: Mercedes-Benz Elektro-Lkw, Z.B. https://www.daimler.com/produkte/lkw/mercedes-benz/mercedes-benz-elektro-lkw.html (04.09.2017)

5. ZDF: Deutsche Post: Elektro-Transporter, https://www.zdf.de/nachrichten/heute-sendungen/videos/deutsche-post-elektro-transporter-100.html (04.09.2017)

6. Arne Lorenz (ZDF): Was taugt der StreetScooter der Post?, https://www.zdf.de/verbraucher/wiso/street-scooter-deutsche-post-wie-praxistauglich-ist-das-elektroauto-100.html (04.09.2017)

7. Transport-Online.de: E-Transporter: Deutsche Post und Ford kooperieren, http://www.transport-online.de/Transport-News/Fahrzeug-Technik/17068/E-Transporter-Deutsche-Post-und-Ford-kooperieren (04.09.2017)

8. Schaufenster Elektromobilität: Elektromobilität in gewerblichen Anwendungen , http://schaufenster-elektromobilitaet.org/media/media/documents/dokumente_der_begleit__und_wirkungsforschung/Ergebnispapier_Nr_9_Elektromobilitaet_in_gewerblichen_Anwendungen.pdf (04.09.2017)

About Author